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Unsere Sicherheit verpflichtet uns zum Hinsehen – nicht zum Schweigen

Aktualisiert: 27. Jan.

25.01.2026

Kurdische Gemeinde München e.V.



Pressemitteilung (Kurzfassung)



Hintergrund & Stellungnahme


Wir leben heute in der kurdischen Diaspora, viele von uns in Deutschland, auch hier in München. Dieses Land hat uns Schutz gegeben – dafür sind wir dankbar. Wir führen hier ein Leben in Sicherheit, mit Rechten und Freiheiten, die uns in unserer Herkunftsregion lange verwehrt wurden. Gerade deshalb können wir nicht schweigen. Wir können nicht still zusehen, was in unserer Heimat geschieht und wie einseitig oder verzerrt diese Ereignisse oft beschrieben werden.

 

Wer sind wir?

Die Kurden gehören zu den autochthonen Völkern des Nahen Ostens. Über Jahrhunderte lebten sie in einer multiethnischen und multikonfessionellen Region, gemeinsam mit Armeniern, Griechen und Assyrern. Diese Nachbarvölker leben heute in weiten Teilen nicht mehr dort, weil sie durch Vertreibung, Massaker und Völkermorde ausgelöscht oder ins Exil gezwungen wurden.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde auch das kurdische Siedlungsgebiet im Zuge der kolonialen Neuordnung auf mehrere künstlich geschaffene Staaten aufgeteilt. Ein eigener Staat wurde den Kurden verwehrt. Seitdem war das kurdische Volk in allen Teilen der Region systematischer Verfolgung, Entrechtung und Gewalt ausgesetzt – in einer Intensität, die vielfach die Kriterien von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, teils sogar eines Völkermordes, erfüllt.

 

Kurden in Syrien

In Syrien waren Hunderttausende Kurden über Jahrzehnte staatenlos – ohne Bürgerrechte und ohne rechtlichen Schutz. Sie waren der Willkür des Staates ausgeliefert und Ziel arabisch-nationalistischer Ideologien, die die kurdische Identität leugneten und auslöschen wollten.

 

Zu Beginn des jetzigen Krieges zog sich das Assad-Regime gezielt aus kurdischen Gebieten zurück und ließ die Bevölkerung schutzlos zurück. Damit wurden die Kurden als Erste den Angriffen bewaffneter, islamistisch geprägter Milizen ausgesetzt, die maßgeblich aus der Türkei heraus unterstützt wurden – durch Ausbildung, Bewaffnung und Logistik.

 

In dieser Situation erschien später der sogenannte Islamische Staat. Seine Gewalt richtete sich früh und gezielt gegen Kurden und andere religiöse Minderheiten. Der Völkermord an den Jesiden machte auf grausame Weise deutlich, was auf dem Spiel stand: die systematische Vernichtung, Versklavung und Entmenschlichung von Menschen aufgrund ihrer Identität.

 

Kobanê – Symbol für Würde und Widerstand

Kobanê, eine kurdische Stadt in Nordsyrien, wurde 2014 zum Symbol dieses existenziellen Moments. Die Stadt wurde belagert, die Bevölkerung größtenteils zur Flucht gezwungen. Zurück blieben kurdische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer sowie einige Freiwillige aus aller Welt, die gemeinsam standhielten.

 

Für viele Kurdinnen und Kurden – besonders in der Diaspora – wurde Kobanê zu dem, was für andere Völker Orte wie Warschau oder Guernica sind: ein Symbol des Widerstands gegen Vernichtung und der Verteidigung menschlicher Würde.

Mit entscheidender militärischer Unterstützung der USA gelang es, Kobanê zu verteidigen.

 

Sieg über den Islamischen Staat

Der kurdische Widerstand besiegte später auch den IS in dessen Hochburgen, insbesondere in Raqqa. Mit dem militärischen Ende des IS als territorialer Macht wurde auch die Terrorbedrohung in Europa erheblich geschwächt. Viele Menschen hier konnten wieder aufatmen – auch dank jener, die in Kurdistan ihr Leben riskierten.

 

Doch nach diesem Sieg folgte keine Sicherheit. Statt politischer Absicherung begann eine neue Phase der Gewalt:

Die Türkei besetzte Teile der kurdischen Gebiete in Nordsyrien, vertrieb große Teile der Bevölkerung und zerschlug die kurdische Selbstverwaltung. Zugleich wurden im Rahmen internationaler Abkommen bewaffnete islamistische Gruppen nach Idlib verlegt, wo sie sich neu formierten und ihre Strukturen festigten.

 

Aus diesen Netzwerken heraus übernahmen sie nach dem Machtwechsel vor etwa einem Jahr die Kontrolle in Damaskus.

Der Islamische Staat im neuen Gewand

 

Für uns ist bis heute unverständlich, dass westliche Staaten Akteure tolerieren oder unterstützen, die aus demselben extremistischen Milieu stammen wie jene Gruppen, die in der Vergangenheit Anschläge in ganz Europa verübt haben.

Heute sind es eben diese Kräfte, die Kobanê erneut bedrohen, Vergeltung ankündigen und die kurdische Bevölkerung wieder in existenzielle Gefahr bringen.

 

Warum gehen wir auf die Straße?

Das muss sofort gestoppt werden. Wir brauchen jetzt klare politische und humanitäre Unterstützung des Westens – zum Schutz der Zivilbevölkerung und derjenigen, die nachweislich gegen islamistischen Terror gekämpft haben. Denn die Kurden sind derzeit allen Bedrohungen zugleich ausgesetzt.


Für uns in der Diaspora ist das kaum auszuhalten. Wir leben zwar in Sicherheit, aber wir leiden mit unseren Angehörigen – mit den Menschen, deren Angst und Hoffnungslosigkeit wir tagtäglich spüren. Schweigen wäre kein Zeichen von Frieden, sondern von Resignation.


Deshalb wird es Aktionen, Mahnwachen, Demonstrationen und Begegnungen geben. Nicht aus Hass, nicht aus Provokation, sondern aus Verantwortung, Mitgefühl und Menschlichkeit.


Wir lassen uns nicht provozieren.

Wir verlieren die Hoffnung nicht.

Wir bleiben besonnen, würdevoll und solidarisch.

Wir bitten dringend um Unterstützung.


Gefordert ist der sofortige Schutz der Zivilbevölkerung in Kobanê und den übrigen kurdischen Gebieten Syriens – sowie klare politische Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Angriffe und Vertreibungen.

 

Kamiran Issa

Vorsitzender

Kurdische Gemeinde München e.V.


Eine Kurzfassung für Medien finden Sie oben auf dieser Seite.

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